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  • Lukas Kellner

Jouhatsu | Folge 9 - Scham und Egoismus

Der alte Hiroshi Takara wanderte durch die Straßen des 16. Bezirks. Es war ein ärmlicher Teil der Stadt und die Stromkabel rankten sich zwischen den schiefen Gebäuden wie uralte Würgepflanzen in einem dichtbewachsenen, dunklen Dschungel. Doch Hiroshi richtete den Blick nur selten nach oben. Sein Kopf war gesenkt und schien jeden Millimeter des Bodens abzusuchen. Eine weiße Plastiktüte, deren Logo schon lange abgeblättert war, raschelte in seiner Hand. Immer wieder gab er leise Laute von sich.

„Pst, pst, pst“, mauschelte er und suchte ohne Unterlass. Die meisten Passanten warfen ihm flüchtige, angeekelte Blicke zu, konzentrierten sich dann aber doch lieber auf ihre eigenen Probleme und auf ihren eigenen Weg. Es kam häufig vor, dass Menschen verrückt wurden. Entweder wegen der präventiven Medikamente oder als Folge der fortwährenden Kombination von schwerer Arbeit, Schlafentzug und Hetze.

Hiroshi aber schien sich von der abneigenden Haltung seines Umfelds nicht beirren zu lassen, er suchte weiter, hielt manchmal die Hand vor sich ausgestreckt und flüsterte „Miez, miez, miez.“

Bald war es Zeit für eine Pause. Er kam an einem kleinen „Park“ vorüber. Eigentlich handelte es sich nur um einen längst verdorrten Baum, der in einem Hochbeet aus Beton gepflanzt worden war und nun seinem Schicksal überlassen wurde. Davor stand eine Bank, auf der bereits ein Mann in Jogginganzug saß und trübselig seine Schuhe betrachtete.

Hiroshi setzte sich neben ihn und nahm eine Thermosflasche aus seiner Plastiktüte, in der er Misosuppe mit sich führte. Er nahm einen vorsichtigen Schluck von der heißen, kräftigen Brühe und befand, dass er noch ein wenig warten musste, bis die Suppe kühler sein würde.

„Ein schöner Tag, nicht wahr?“, sagte er, ohne dabei den Mann neben sich anzusehen.

„Hm? Na ja, es ist doch recht grau, finde ich, alter Mann.“

„Grau, ja. Es muss schön sein, Farbenblind zu sein, dann ist jeder Tag der bunteste des Jahres, glauben Sie nicht?“

Der Mann warf ihm einen skeptischen Blick zu. Hiroshi erwiderte ihn mit einem breiten Grinsen, das von seinen buschigen, weißen Augenbrauen, über die Augen und von einem Mundwinkel bis zum anderen reichte.

„Ja, damit haben Sie wohl recht!“, antwortete der Mann und konnte nicht umhin, seinerseits über diesen alten Mann zu grinsen, „Was machen Sie hier, wenn ich fragen darf?“

„Ich? Oh, ich bin hier um zu finden. Genau genommen suche ich. Ich suche nach verlorengegangenen Katzen. Wenn ich sie ihren Besitzern zurückbringe, bekomme ich etwas Geld. Davon kaufe ich mir dann Misosuppe und kann nach noch mehr Katzen suchen. Das ist ein hübscher Kreislauf. Wirklich schön!“

„Brechen denn viele Katzen aus?“

„Oh, ja, sehr viele. Man kann es ihnen auch schlecht verübeln, oder? Es sind Wildtiere. Auch wenn sie durch die Zucht immer degenerierter werden, bekommt man den Instinkt nie ganz aus ihnen heraus. Wenn man sie dann einsperrt und ihnen die Freiheit nimmt, ihnen vorschreibt, was sie fressen müssen und wann sie was tun dürfen, dann können einige nicht anders. Sie rennen einfach weg.“

„Hm… ja, ich glaube, ich verstehe was Sie meinen“, murmelte der Mann nachdenklich und fügte dann etwas lauter hinzu, „Wie heißt die Katze, die sie gerade suchen?“

„Oh, sie heißt Yuri!“

„Das ist ja ein Zufall! Ich heiße auch Yuri!“, der Mann lachte. Hiroshi stieg mit ein. Dann zog er blitzschnell ein paar Handschellen aus seiner Plastiktüte. Bevor Yuri auch nur einmal blinzeln konnte, war seine rechte Hand an einer der Streben der Parkbank festgekettet. Da nippte Hiroshi bereits ein zweites Mal an seiner Misosuppe und beobachtete das Treiben auf den Straßen. Alles war so schnell passiert, dass nicht einmal einer der Passanten etwas mitbekommen hatte.

„S… Sie“, stotterte Yuri, brachte aber kein ganzes Wort heraus.

„Wir alle laufen vor irgendetwas weg, ist es nicht so… Yuri Mayakusa… das war doch zumindest einmal dein Name, richtig?“

Yuri schaffte es nun doch, sich aus seiner Schockstarre zu befreien und knurrte: „Wer sind Sie?“

„Ich?“, Hiroshi nahm einen weiteren schluck, schmatzte einmal kurz und seufzte dann: „Ich bin nur hier, um zu finden, nicht, um zu urteilen. Aber die anderen hier, werden das alle tun.“ Er deutete um sich.

„Und wenn die herausfinden, dass du eigentlich ein No-Chip bist, der zum Jouhatsu wurde, um seinem alten Leben zu entkommen, dann werden die kurzen Prozess mit dir machen. Deswegen wirst du hier hübsch, brav warten, bis du abgeholt wirst!“

„Von wem?“ Yuri wurde kreidebleich, seine Stimme zitterte.

„Oh…“, erwiderte Hiroshi, packte seine Thermoskanne in die Plastiktüte, klopfte sich zweimal auf den Oberschenkel und erhob sich, „Ich kenne da jemanden, für den du sehr wertvoll bist.“


„Wie ihr alle wisst, hat Grey Dog einen weiteren unserer ehemaligen Jouhatsu entführt“ K hatte die Hände ineinander gefaltet und stütze die Ellenbogen auf dem Tisch ab. Sie wirkte müder und älter als sonst. Alle waren zu einem kurzen Treffen am Esstisch zusammengekommen, es sei dringend, hatte es geheißen. Lone saß wieder am anderen Ende, was ihm überhaupt nicht passte. Am liebsten hätte er sich einfach auf seiner kleinen Pritsche zusammengekauert und gegrübelt. Denn es gab wahrlich viel, was er nicht so recht verstand. Hauptsächlich war es ihm ein Rätsel, warum seine Gedanken fortwährend abschweiften und er ständig an Ayumi dachte. Er musste sich regelmäßig daran hindern, nicht dem Drang nachzugeben, mitten am Tag seine Pflichten in der Familie über den Haufen zu werfen, um sich schnurstracks zu ihr auf den Weg zu begeben. Es gab Augenblicke, da kam ihm ihr Lachen in den Sinn und er wollte Luftsprünge machen. Dann erinnerte er sich meistens an seine Mutter und an seinen Vater und daran, dass sein Leben eigentlich keine Albernheiten zuließ.

„Damit haben wir ein Problem“, erklärte K mit strenger Miene, „Denn es gibt nicht viele Möglichkeiten, wie Grey Dog die Identitäten und Aufenthaltsorte unserer Jouhatsu ausfindig machen konnte. Die Smart Contracts sind sicher, keiner kann darauf zugreifen. Es muss also eine andere Art geben, wie er an die Informationen herankommt.“

„So? Von was für einer ‚Art‘ sprichst du?“, hakte der blonde Project Manager namens Mav nach und versuchte dabei ausnahmsweise keine schmeichelhafte Bemerkung zu K‘s Äußeren einzustreuen. K schloss für einen Moment die Augen. Dann erhob sie sich, stützte die Fäuste auf der Tischplatte ab und erklärte mit feierlichem, aber düsterem Ton: „Familie ist alles und wir alle sind Familie. Aber… wir können nicht ausschließen, dass einer von uns Informationen an Grey Dog übermittelt.“ Ein lautes Gemurmel begann den Raum zu erfüllen, die Mitglieder der Yonige-Ya, Brüder und Schwestern im Geiste, warfen sich gegenseitig misstrauische Blicke zu. Irgendwann war es dann Gronk, der das aussprach, was einige von ihnen zu denken schienen.

„Es hat angefangen, als Lone hier hergekommen ist!“ Auf einmal starrte jeder einzelne ans andere Ende des Tisches. Lone erwischte die Anschuldigung auf dem falschen Fuß. Er blickte hilfesuchend zu Edgar. Der senkte den Kopf, starrte zu Boden und schwieg.

„Halt die Klappe Gronk!“, zischte K und warf wütende Blicke in die Runde, „Es ist viel zu früh, um irgendwelche Anschuldigungen zu erheben und außerdem wissen wir noch gar nicht genau, ob…“, weiter kam sie nicht. Die Tür wurde aufkatapultiert und Kid flog herein. Schwer atmend brauchte er zwei Sekunden, bis er wieder sprechen konnte.

„Es… es sind die Privatdetektive. Ich habe es gerade von einem meiner Kontakte erfahren. Grey Dog hat den meisten von ihnen ein Angebot gemacht. Sie suchen für ihn Jouhatsu und bekommen im Gegenzug einen Anteil der Chaincoins.“

Ein erleichtertes Seufzen ging durch die Reihen, Gronk zuckte unbekümmert mit den Achseln und Mav zwinkerte K mit erhabenem Grinsen zu. Nur Lone blickte grimmig drein. Er erhob sich so energisch von seinem Platz, dass sein Stuhl laut knarzend über den Boden schleifte und stürmte aus dem Zimmer.


„Keine besonders nette Familie, was?“, Ayumi streichelte Lone über den nackten Rücken. Er war nach dem Krisentreffen so bald wie möglich zu ihr geflohen.

„Nein… ich weiß nicht, ich hatte irgendwie gehofft, dass wenigstens Edgar… ach, egal.“ Lone vergrub sein Gesicht in dem Kissen und versuchte sich ganz auf die sanften Berührungen zu konzentrieren. Er wollte alles andere ausblenden, nichts anderes mehr zulassen, kein Grey Dog, keine No-Chips, keine Jouhatsu und ganz besonders keine Yonige-Ya. Bloß keine Yonige-Ya!

„Lone, was, wenn sie dich eigentlich nur beschützen wollen?“, flüsterte Ayumi. Lone richtete sich auf und runzelte die Stirn.

„Wie meinst du das, mich beschützen?“

„Na ja, dafür ist eine Familie doch da, damit man sich gegenseitig be…“

„Ist das so?“

Lone verstand selber nicht genau warum, aber in diesem Moment erbebte etwas in ihm und quoll über, drängte zu allen Seiten hinaus. Wut. Er fühlt auf einmal unendliche Wut.

„Dann scheine ich ja ein ganz schöner Versager zu sein, oder?“

„Wie meinst du das?“ Ayumi zog ihre Hand zurück

„Egal, du verstehst das nicht“, fauchte Lone, rollte sich zur Seite hin weg und griff nach seiner Hose.

„Wieso verstehe ich das nicht?“, entgegnete Ayumi und zog dabei das Bettlaken über ihren Köper.

„Weil du nicht kannst. Niemand kann es.“ Ayumi beobachtete ihn, wie er sich unbeholfen und auf einem Bein balancierend eine Socke überzwang, dabei beinahe umfiel und es von neuem versuchen musste.

„Lone du… du weißt, dass du nicht Schuld bist am Tod deiner Mutter?“

Lone erstarrte. Es war als hätte ihm jemand die Nähte einer uralten Wunde auseinandergerissen, sein Inneres geöffnet und ihn damit brachial verletzt. Er gab einen schnaubenden Laut von sich, griff nach seinem T-Shirt und stürmte ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.


Grey Dog lehnte in der Dunkelheit an einem Baum und zog an seiner Zigarre. Er spürte ein sanftes Piksen an dem Zeigefinger seiner rechten Hand, wollte gerade den Kopf senken, um nachzusehen, was das Gefühl auslöste, als er das laute Knallen einer Tür vernahm. Er sah einen jungen Mann mit schwarzen Haaren über die Straße hetzen und hörte ihn grimmige Worte in die Nacht hinausschleudern. Es war Lone.

Lone schenkte den beiden Kiefern keinerlei Beachtung, die den Eingang zu dem Friedhof markierten und übersah selbst die bullige Gestalt des rauchenden Mannes, der sich an einem der Bäume anlehnte. Als Lone verschwunden war, hob Grey Dog die Hand und erkannte den kleinen Marienkäfer an seinem Zeigefinger, der für das Kitzeln verantwortlich gewesen war. Mit einem sanften Schlenker der Hand, entließ er das wunderschöne Geschöpf in die Luft und beobachtete es bei seinem wackligen Flug.

„Lone…“, sprach er mit der Zigarre im Mund, „Du bewegst dich auf gefährlichem Terrain. Ich weiß das…“, er blies eine große, weiße Wolke in die kalte Nachtluft und murmelte: „Egoismus führt zu Scham und Scham zu Egoismus… So ist das nun einmal.“

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