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  • Lukas Kellner

Jouhatsu | Folge 11 - Hiroshi Takara

Dunkle, abgestorbene Bäume ragten in den Himmel und verzweigten in der Krone die verdorrten Äste wie flehende Arme. Das grelle Licht der Stadt verfärbte den grauen Wolkenschleier in ein bedrohliches Orange-Rot, als stünde die ganze Welt in Flammen. Lone harrte seit einer gefühlten Ewigkeit in dem kleinen, ausgestorbenen Park aus, der sich an einen Straßenzug anschloss, der anmutete, als hätte ihn ein Kind mit Legosteinen erbaut. Die Kastenförmigen Gebilde türmten sich unbedacht übereinander und schienen einzig von Stromleitungen sowie der letzten Kraft der morschen Balken zusammengehalten zu werden. Für keine Sekunde ließ er das Fenster aus den Augen, das im ersten Stock eines besonders schiefen Gebäudes thronte. Es blieb dunkel, obwohl bei den meisten anderen bereits lange die Lichter brannten.

„Wo bist du?“, murmelte Lone und dachte an das Bild von Hiroshi Takara, dem Privatdetektiv, dessen Aufgabe es war, für Familienmitglieder ihre verschollenen Geliebten zu suchen – die Jouhatsu wiederzufinden. Zumindest schien er dieser Arbeit bis vor einiger Zeit nachgegangen zu sein. Mittlerweile hatte er einen anderen Auftraggeber. Warum sonst, tauchte er in den Aufnahmen auf, die K und Kid ihm gezeigt hatten.

Er hatte Hiroshi sofort wiedererkannt, während K ihm versuchte zu erklären, wie grausam das Vorgehen Grey Dogs sei und dass er deswegen nicht zu den Missionen mitgenommen wurde. Hiroshis Gesicht auf einer Videoaufnahme, die ihn zusammen mit einem von Grey Dogs Männern zeigte, war zwar nicht viel, aber dennoch die einzige Spur, die Lone blieb. Wenn K ihm nicht erlaubte mitzuhelfen, dann musste er die Sache eben auf eigene Faust angehen. Allein.

Lone schnaubte in die Nacht hinein. Weiße Wolken entsprangen seinem Mund und Nase. Hiroshi schien nicht zu Hause zu sein. Was also sollte er tun? Deutlich klüger wäre es gewesen, abzuwarten und die Lage weiter auszuspähen. Aber Lone war es so leid zu zögern, so leid auszuharren, nichts anderes zu tun, als sich zu verstecken und auf den Wohlgefallen der Welt zu hoffen. Sein Blick fiel zu Boden. Kurz dauerte es, bis sich seine Augen an die dunkleren Lichtverhältnisse gewöhnten, die der schwarze Teer verursachte. Dann erkannte er den Marienkäfer, der dort zu seinen Füßen lag. Er war auf den Rücken gefallen und strampelte unbeholfen mit den Beinchen, hilflos und unfähig, sich aus eigener Kraft wieder aufzurichten. Lone schnaubte, schüttelte angewidert den Kopf, erhob sich und überquerte schnellen Schritts die Straße.


Es war einfacher einzudringen als gedacht. Die Tür des Hauses war nicht verschlossen. Lone stieg die krummen Treppenstufen hinauf, bis er an eine Tür ankam, neben der ein Klingelschild den Namen Takara verkündete. Er lehnte sich vorsichtig dagegen. Das Holz des Rahmens war derart alt und ausgedient, dass sich bereits bei der leichtesten Kraftanstrengung ein großzügiger Spalt auftat.

Lone blickte über seine Schulter das Treppenhaus hinab und lauschte angespannt. Irgendwo sah jemand Fern. Das lautstarke Dröhnen von lachenden Publikumsstimmen hallte durch das gesamte Haus. Ein Vorteil für ihn, so musste er wenigstens nicht zu akribisch darauf achten, keine Geräusche zu verursachen.

Lone holte aus und warf sich mit voller Kraft gegen die Tür. Sie leistete fast keinen Widerstand, das Schloss brach einfach aus dem morschen Holz heraus und er hatte große Mühe damit, auf den Beinen zu bleiben, weil er mit deutlich zu viel Schwung in das Zimmer flog.

„Er wohnt gar nicht hier“, murmelte Lone, nachdem er sich gesammelt und einen Augenblick Zeit genommen hatte, die neue Umgebung zu betrachten. Silbrige Lichtstreifen fielen von draußen durch das einzige, kleine, quadratische Fenster hinein, das dieses Büro besaß.

Es gab nur wenig Platz, nur einen Raum. Ein kleiner Holztisch vor dem Fenster schien als Schreibtisch zu dienen und bildete nebst einem dazugehörigen Stuhl das einzige Mobiliar, dass Takaras Büro vorzuweisen hatte.

KNACK. Lone wirbelte herum und riss die Arme nach oben in Erwartung einer nahenden Gefahr, doch seine Augen fanden nichts. Er erkannte, dass ein Stück Holz vom Türrahmen abgesplittert und zu Boden gefallen war. Er versuchte auch sein Herz davon zu überzeugen, dass es sich um einen Fehlalarm handelte, doch das pumpte weiter unaufhörlich Blut durch seine Adern wie nach einem langen Sprint.

Ihm blieb nicht viel Zeit, das wusste er. Man durfte ihn auf keinen Fall dabei erwischen, wie er in einem fremden Haus herumschnüffelte. Bei No-Chips waren die Polizei und auch die Bürger alles andere als zimperlich. Gerade, als ihm voll und ganz bewusst wurde, wie gefährlich die Situation für ihn war, erhaschten die Wände von Takaras Büro seine volle Aufmerksamkeit und verdrängte die gebotene Hast. Lone trat langsam näher und erkannte nun endlich die vielen, hundert und aberhundert Fotos, die immer mit Reisnägeln an das Holz geheftet worden waren.

Die allermeisten Bilder hatten weiße Rahmen auf denen feinsäuberlich Namen, Daten und Notizen vermerkt wurden. Die Fotos waren so eng miteinander verwoben, dass der Eindruck einer schuppigen Haut entstand wie die eines besonders prächtigen Koi Karpfens. Nur dass die Bilder an den Wänden von Takaras Büro keine schillernden Farben in sich vereinten, keine Freude, kein strotzendes Leben. Die meisten Gesichter, in die Lone blickte, waren dunkel, verbittert, weggeduckt, in Erwartung des nächsten Schlags, verzweifelt, enttäuscht, zynisch.

Von unten ertönte ein lautes Knarzen, doch Lone ignorierte es. Wie hypnotisiert schritt er die vier Wände des Zimmers ab und mit jedem Bild, beschlich ihn eine dunkle Erkenntnis. Es waren Spiegel. Nichts anders.

In jedem dieser Männer und Frauen glaubte er, sich selbst zu erkennen, als betrachte er sein eigenes Antlitz in der Reflexion eines vergilbten, mehrfach gebrochenen Spiegels.

Weil keine weiteren Geräusche von unten folgten, nahm er sich etwas mehr Zeit. Er fand immer mehr von ihnen. Junge, alte, große, kleine, weiße, schwarze. Bei den meisten stand irgendwo ‚No-Chip‘, bei einigen wenigen ‚Regular‘. Bei vielen war nur ein Datum angetragen, bei manchen zwei. Von einigen gab es mehrere Fotografien an verschiedenen Orten, von anderen wieder nur eine einzige. Und dann war da eine Lücke. Lone blieb stehen. Inmitten des verwobenen Kleids aus Bildern, klaffte ein Loch. Es befand sich in der hinteren linken Ecke, dort wo die Fotos am vergilbtesten und ältesten anmuteten und wo die notierten Jahreszahlen lange, lange in die Vergangenheit reichten.

Lone betrachtete die Stelle eine Weile, drehte dann auf der Suche nach dem fehlenden Teil den Kopf und sah, dass auf Hiroshis Schreibtisch ein einzelnes Foto lag. Der Lichtschein durch das Fenster benetzte die spiegelnde Oberfläche des folierten Papiers. Lone wandte sich von den Wänden ab und hielt darauf zu. Während er dem Tisch näherkam, bemerkte er nicht den feinen Windhauch, der durch das Zimmer zog und die Fotos an den Wänden damit zum Erzittern brachte, wie verdorrtes Laub an Bäumen im späten Herbst.

Er lehnte sich über das Foto und sah in seine Augen. Augen die lächelten. Frech, erhaben, stolz und herausfordernd. Die schwarzen Haare zierte bereits eine einzelne, graue Strähne, doch die Gesichtszüge blieben gestochen scharf und offenbarten noch kein Zeichen des fortschreitenden Alters.

„Das…“, murmelte Lone, während es ihm die Kehle zuschnürte und er nach Luft rang. Auf einmal war da seine Mutter. Zuhause, in ihrer Wohnung. Lone sah, wie sie ein Bild neben ihrer Matratze aufstellte. Damals war Lone vielleicht sieben Jahre alt gewesen. Als er gefragt hatte, was für ein Mann das auf dem Foto sei, hatte sie ihm geantwortete…

„Das ist mein Vater“, stammelte Lone, wich taumelnd von dem Tisch zurück und wurde von einem leisen Klicken aus seiner Flucht gerissen. Etwas hartes drückte ihm in den Rücken.

„Bleib genauso stehen!“ Die Worte von Hiroshi Takara drangen zwar nur leise an Lones Ohr, dennoch transportierten sie unmissverständlich und ohne Zweifel eine einfache Botschaft: eine Bewegung und er wäre tot.

„Ich hatte mir gedacht, dass du kommen wirst… Lone.“, schnitt Hiroshis Stimme durch die Stille, die eingetreten war, nachdem er Lone die Waffe in den Rücken gedrückt hatte.

„Woher kennen Sie meinen Namen?“, murmelte Lone, ohne den Blick vom Foto auf dem Tisch abzulassen.

„Hm… ich bin ein Detektiv, Lone, es ist meine Aufgabe Namen entweder zu kenne oder sie herauszufinden. Das ist doch Sonnenklar, oder nicht?“

Lone schwieg. Er versuchte die vielen Puzzleteile zusammenzufügen, die in seinem Kopf herumschwirrten, doch es gelang ihm nicht.

„Ja, ganz schön verwirrend, nicht wahr? Ich gerate auch gerne durcheinander, aber ich glaube das ist schon in Ordnung. Der alte Hiroshi ist ziemlich in die Jahre gekommen und hat schon so viele von ihnen gefunden, da kann man schonmal den Überblick verlieren.“

„Sind das alles Jouhatsu?“, fragte Lone.

„Sie? Oder wir? Ich glaube, das wäre die richtige Frage, mein Junge. Wir alle laufen vor irgendetwas weg. Wir alle sind Jouhatsu...“

„Wer ist der Mann auf dem Foto?“ Lone zuckte mit dem Kopf Richtung Schreibtisch.

„Er?“, hakte Hiroshi nach und drückte dabei die Waffe etwas fester in Lones Rücken. „Oh, ich glaube, du weißt wesentlich besser als ich, wer er ist. Obwohl, vielleicht auch nicht, du hast ihn ja nie richtig kennengelernt. Vielleicht wirst du das ja aber bald. Ah, ah, ah“ Lone wollte sich umdrehen, was Hiroshi mit einem erneuten Klicken der Waffe zu verhindern wusste.

„Mein Vater ist tot!“, zischte Lone.

„Hm, ist das so?“, gluckste Hiroshi und klang dabei wie ein junges Schulkind, das zugeben musste, dass ihm ein kleiner Fehler unterlaufen war, „Nun, dann liege ich wohl falsch. Andererseits kommt das ziemlich selten vor, dass ich falsch liege, wirklich, wirklich selten!“

„Wo ist Grey Dog?“, knurrte Lone, weil er das Gefühl bekam, dass der Alte nur seine Spielchen mit ihm trieb.

„Grey Dog? Wie kommst du darauf, dass ich weiß, wo er ist?“

„Weil du für ihn arbeitest. Du findest Jouhatsu für ihn, die er dann entführt.“

„Du scheinst ja recht gut informiert zu sein“, Hiroshi begann zu lachen. Die Waffe folgte dem Rhythmus seiner Laute.

„Tja, da hilft wohl auch Lügen nichts mehr. Ja, ich arbeite für Grey Dog, aber das muss ja noch lange nicht heißen, dass ich weiß, wo er sich gerade befindet. Glaube nicht, dass ich eine besonders freundschaftliche Beziehung zu ihm führe, er ist ein Geschäftspartner, nichts anderes. Die Suche nach den Kätzchen ist nicht mehr so attraktiv wie früher. Die meisten Familien scheren sich nicht mehr um diejenigen, die verschwinden, im Gegenteil. Viele sind sogar ganz froh darüber. Da muss man kucken, wo man bleibt.“

„Weißt du, was er mit ihnen macht?“

„Hm, nicht viel Schlimmeres als die Menschen da draußen, würde ich vermuten. Du solltest ihn mal kennenlernen, er ist bei weitem nicht so grausam, wie alle sagen!“

Das war zu viel für Lone. Er drehte sich wütend herum, versuchte Hiroshi zu fassen zu bekommen, doch der sprang explosionsartig einen Schritt zurück. Für sein Alter schien er erstaunlich schnell und beweglich zu sein. Dass auch Gerissenheit zu seinen Talenten zählte, erkannte Lone erst jetzt. Keine Waffe, lediglich Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand waren es gewesen, die Lone in seinem Rücken gespürt hatte. Das metallische Klicken kam von einem Paar Handschellen, die er in der freien Hand geschickt übereinander gerieben hatte.

„Hupsi“, gluckste Hiroshi und ein breites Grinsen überkam sein Gesicht, das seine Augen beinahe ganz verschloss. Mit den buschigen Brauen und der Glatze wirkte er fast wie ein gutmütiger, liebenswürdiger Großvater.

„Wenn ich dich verschonen soll, dann sagst du mir jetzt, wo er ist!“, fauchte Lone, den das Lächeln des alten Mannes vor Wut schier um den Verstand brachte.

„Hm, große Worte… Trotzdem…“, das Lächeln wich aus Hiroshis Gesicht. Ein Schatten fiel über seine Augen und vom einen auf den anderen Moment wirkte er wieder bedrohlich, so als sei die Waffe in seiner Hand doch kein bloßes Spiel gewesen.

„…bist du einfach zu naiv. Du denkst nicht weit genug und bist tatsächlich der Meinung, du allein könntest irgendetwas ausrichten. Was glaubst du? Dass Grey Dog dich nicht beobachtet? Nach allem was passiert ist? Nach der Verbindung, die euch beide aneinander kettet. Ich weiß nicht wo er ist, Lone, aber ich vermute, er ist schon längst bei ihr… bei deinem Mädchen.“

Lone starrte den Alten fassungslos an. Dann huschte ihr Name über seine Lippen und mit dem Namen stürzte sein Inneres in sich zusammen: „Ayumi!“

Ohne Hiroshi eines weiteren Blickes zu würdigen, sprang Lone sofort los, jagte das Treppenhaus hinunter und machte sich halsbrecherisch auf den Weg. Der Alte hinderte ihn nicht, wartete nur ab, bis er Lone nicht mehr hören konnte und ging dann zu seinem Schreibtisch hinüber. Er nahm das Foto und betrachtete den Mann darauf.

„Jouhatsu“, murmelte er. Dann griff er nach dem Telefon in seiner Tasche und tippte eine Nummer.

„Hallo K… Ja, ich weiß… du hast lange nichts von mir gehört.“

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