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Scheiß auf Technik!

Aktualisiert: 14. Okt. 2022


Ich habe es fast vergessen und ich weiß ganz genau, dass es dir, falls du Filmemacher bist, genauso geht. Zumindest immer mal wieder. Es ist auch ziemlich verführerisch sich im Meer der Technik zu verlieren, es hat geradezu etwas betörend Anziehendes an sich wie der Duft einer besonders schönen Blume oder der Geschmack von frisch gebackenen dampfumzogenen Keksen. Die neue Super-35 Kamera oder die zweite Generation eines bereits existierenden Modells, neue Stabilizer, Funkschärfen, Monitore, Camera-Rigs, endlich funktionierende Magic-Arme, Speed Booster, Optiken, Anamorphic-Adapter und alles, wirklich alles kostet Zaster, Zaster, Zaster. Irgendwann sitzt man Nachts um 12 vor dem Laptop mit tausend geöffneten Tabs, jedes einzelne gefüllt mit Vergleichsangeboten – neu, gebraucht, halb-gebraucht, evtl. kaputt aber spottbillig etc. – und überschlägt im Kopf, ob man sich das gottverdammte Teil vielleicht doch leisten könnte, wenn man nur die Zahlung mittels Kreditkarte auf den nächsten Monat verschiebt, man es mit einem eventuell anstehenden Projekt gegenrechnet oder man sich ganz einfach eine Woche von Thunfisch und Gurken ernährt. Immer wenn es mir so geht, weiß ich ganz genau, dass ich es vergessen habe. Vergessen habe, worum es geht – oder weniger pathetisch und semi-esoterisch ausgedrückt: Was das Produkt erzeugt und was nicht.

"Geschichte, Ort, Objekt – diese drei Faktoren erschaffen das Produkt. Die Technik fängt es ein."

Geschichte. Ort. Objekt. Darum geht es. Es sind die, meiner Meinung nach, drei primären Erfolgsfaktoren für einen guten Film, auf den man stolz sein kann. Alle anderen Einflussgrößen sind mit Nichten unwichtig (die meisten bedingen ohnehin die "Performance" der o.g. drei Hauptfaktoren), jedoch bleiben sie nichtsdestotrotz zweitrangig. Einfach gesagt: Ist die Geschichte bzw. das Drehbuch oder das Konzept schlecht, kann noch so gut gedreht werden, der Film wird nicht funktionieren. Ist der Drehort "schlecht" (und schlecht bezieht sich hier auf zweierlei Dimensionen – einmal bezüglich der Kongruenz mit der Geschichte und zum anderen in Bezug auf die Ästhetik/Erscheinung), dann wird der Film studentisch aussehen, ganz egal mit welcher Kamera gedreht wurde. Schließlich bestimmt das Objekt ganz maßgeblich, wie das Endprodukt aussehen und funktionieren wird. Dabei muss es sich nicht zwangsweiße um einen Schauspieler handeln, sondern kann auch im Rahmen einer Dokumentation eine "reale" Person sein oder im Zuge eines Werbespots ein Produkt (Deswegen nenne ich es auch Objekt, als Talent/Schauspieler bitte nicht falsch verstehen ;D).

"Aus nem Haufen Scheiße kannst du keine geile Olle machen"

Das oben stehende Zitat von einem nicht näher benannten Oberbeleuchter trifft die Überlegung ganz gut auf den Kopf. Indem man sich hin und wieder ganz bewusst in Erinnerung ruft, was der Zweck der Filmtechnik ist, nämlich das Produkt festzuhalten und entgegen der natürlichen Entropie bedingt durch den Strom der Zeit für zukünftiges Publikum erfahrbar zu machen, erkennt man deren minimale Bedeutung. "Ah, okay, dann kann ich mich ja auch einfach mit meinem Handy hinstellen und einen Kinofilm drehen. Danke für den Tipp... Du Idiot!", höre ich mir bereits beim Schreiben dieser Zeilen um die Ohren fliegen. Und nein, selbstverständlich wäre auch das quatsch, weil damit im gleichen Maße der Zweck der Technik außer Acht gelassen wird wie bei der "Ohne Anamorphoten und 8K Auflösung geht es nicht"-Einstellung. Der Zweck besteht aber darin, das Aufnehmen des Produkts zu erleichtern und dabei gleichzeitig den von der Geschichte und zu gewissem Maße auch von dem ästhetischen Anspruch der Zielgruppe diktierten Standards zu genügen. Da es sich bei Filmprojekten nie um Wünsch-dir-was-Szenarien handelt und man fast immer abwägen muss, geht es in brenzligen Situationen darum, sich eine Entscheidungshierarchie im Kopf zu bewahren, die auf das bestmögliche Produkt und nicht auf die eigenen Vorlieben ausgerichtete ist. Und diese Hierarchie folgt eben dem Prinzip: Zuerst Geschichte, Ort sowie Objekt, dann alles andere.

"Manchmal muss man einfach in den Wald scheißen"

Ein weiteres glorreiches, aber doch sehr lehrreiches Zitat, deren Urheber aus Diskretionsgründen abermals anonym bleibt. Allerdings trifft es aus meiner Sicht den Nagel auf den Kopf, in dem es die Sache so ausspricht, wie sie ist: Manchmal muss man eben in den saueren Apfel beißen, den Kürzeren ziehen, das kleinere von zwei Übeln wählen, Not gegen Elend spielen oder eben sich auf das konzentrieren was man kontrollieren kann und im Sinne es Endprodukts gute Entscheidungen treffen. Ein Beispiel: ich durfte im vergangenen Sommersemester die Praxisprojekte des Masterstudiengangs Audivisuelle Medien an der Hochschule der Medien Stuttgart begleiten. Die Vorgabe war... na ja... "Dokumentation des Projekts, aber auch Werbung für den Studiengang im ganzen, gleichzeitig bitte viele Informationen, aber nicht zu viel, es soll ja auch Pepp haben, kein Budget für einen Assistenten, besonderes Equipment oder ausgefallene Konzeptionsideen, außerdem natürlich so schnell wie möglich." Zusätzlich war ich zu der Zeit nur für das absolute Minimum ausgestattet, weil ich gerade erst auf die BMPCC 4k umgestellt hatte und noch nicht einmal passendes Zubehör zu dem Kamerakorpus besaß, geschweige denn eine Möglichkeit um meine Bilder beim Dreh zu stabilisieren, Licht zu setzen, anständigen Ton aufzunehmen oder Objektive einzusetzen, die für das Projekt geeignet gewesen wären. Das Ende vom Lied: Das Videomaterial ist technisch definitiv nicht auf dem Niveau, auf dem es hätte sein können, wenn ich etwas mehr Zeit, etwas mehr Geld und etwas mehr Man-Power gehabt hätte. Warum bin ich trotzdem damit zufrieden? Weil mir der Vibe gefällt. Weil in den Videos junge Studenten zu sehen sind, die Spaß beim Lernen, Probieren, Arbeiten, Filmen und Forschen haben. Weil es sich authentisch anfühlt und gleichzeitig ein paar der Dinge zu sehen sind, welche die HdM als Hochschule sehr attraktiv machen. Ich musste einfach ab einem gewissen Punkt akzeptieren, dass ich bei diesem Projekt eben nicht Licht setzen kann, ich keine tollen Bewegungen aufnehmen und ich für die Post quasi keine Zeit haben werde. Stattdessen musste ich mich – wie man so schön sagt – zusammenreißen und meine Energie für das aufwenden, was den Film ausmacht: Geschichte, Ort und Objekt.



Ich glaube, dass dieser Aspekt des Filmemachens oft vergessen wird und vor allem, dass die Weiterbildung diesbezüglich meist vernachlässigt wird. Wie schaffe ich es, dass sich diese drei Aspekte – die Geschichte, der Ort und das Objekt – bestmöglich entfalten können und sich quasi von ihrer Schokoladenseite präsentieren? In meinem Fall lautete die Antwort: Werde ein Teil der Gruppe! Ich habe versucht, gute Laune zu verbreiten, wenn es ob kleiner Rückschläge mit dem Praxisprojekt mal kriselte, habe mich aufrichtig für die Themen der Gruppen interessiert und fasziniert, habe versucht, unsichtbar zu sein, wenn ich es sein musste und präsent, wenn es angebracht war. Es ging darum, die Studenten zu unterstützen, anstatt ein weitere Punkt auf der Tagesordnung zu sein, den sie von ihrer To-Do-Liste streichen mussten. Ich glaube, das hat dazu geführt, dass ich das eine oder andere Lachen mehr, die ein oder andere spannende Situation zusätzlich und den ein oder anderen Tipp bezüglich anstehender "filmbarer" Ereignisse oben drauf bekommen habe. Und auch, wenn es technisch Lichtjahre von perfekt entfernt ist und am Ende wegen dem spontanen Vorziehen der Deadline und meiner damaligen Terminsituation nur einige Stunden für Schnitt, Ton und "Grading" geblieben sind, bin ich doch recht Happy mit den Filmen. Vor allem habe ich wirklich faszinierende junge Menschen kennengelernt, die sich ebenfalls für Film, Ton oder Games begeistern... und damit am Ende des Tages gleichermaßen um die Geschichte, den Ort und das Objekt.





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