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Jouhatsu | Folge 6 - Das Mädchen

Zu große Jeans, eine verwaschene Jacke aus den 80er Jahren, selbst geschnittenes, schulterlanges, schwarzes Haar, verdreckte, weiße Sneaker. Sie huschte durch die Straßen und an anderen Passanten vorbei, als ginge von allem Bedrohung für sie aus und sie klammerte sich an dem Jute-Beutel fest, den sie mit sich führte, als sei ihr Leben davon abhängig. Ihr Ziel war der Busbahnhof. Weil es dämmrig wurde, erwachten die ersten Neon-Lichter zögerlich zum Leben. Tupften und tunkten alles in Lila, Blau, Rot und Grün. Ayumi. Ihr Name war Ayumi.


Lone saß auf einer Bank aus vergittertem Metall. Die Kälte kroch vom Boden hinauf, schlich in seine Glieder und ließ alles in ihm starr und träge zurück. Es machte ihm nicht sonderlich viel aus, seine Gedanken waren ohnehin ganz woanders. Sie kreisten um die lange Woche, die hinter ihm lag und mit K’s Offenbarung begonnen hatte, dass sein Vater ermordet worden war. Kaltherzig abgeschlachtet von Grey Dog, einem Abtrünnigen, einem Ketzer, einem Mann, dem nicht zu trauen war.

„Ich möchte ihn suchen“, sprudelte es damals aus Lone heraus, obwohl die Worte natürlich völlig töricht waren, wie K sofort bemerkte: „Ihn suchen? Und was machst du, wenn du ihn gefunden hast? Ihn töten?“ Darauf wusste Lone dann keine Antwort mehr und seine Hand wanderte instinktiv zur anderen, wo er die Brandnarbe an seinem Handgelenk spürte. K hatte den Kopf geschüttelt und ihm sehr tief in die Augen gesehen.

„Lone, ich glaube, dass ich dich für deinen Vater hierbehalten sollte. Ich bin eigentlich nicht der gefühlsdusselige Typ…“, sie verdrehte die Augen, „…aber, dein Vater hat mir das Leben gerettet und ich mag es nicht, wenn derlei Schulden offenbleiben.“ Sie seufzte, umschloss mit beiden Händen ihre große Halskette und fügte hinzu: „Lone, ich möchte, dass du Teil meiner Familie wirst. Ich werde dir ermöglichen, nach Grey Dog zu suchen, aber unter einer Bedingung: Du lässt dich hier ausbilden. Wir zeigen dir unsere Arbeit und machen einen ordentlichen Yonige-Ya aus dir. Am Ende, wenn du soweit bist und keine Gefahr mehr für andere darstellst, werden wir dich mitnehmen.“

„Wohin mitnehmen?“, fragte Lone

„Glaubst du, du bist der Einzige, der Grey Dog finden will?“ K sah ihn grimmig an und dunkle Schatten fielen über ihre Augen.

Werde Teil meiner Familie. Lone fuhr mit der Hand über das eiskalte Gitter der Bank. An einer Stelle gab es eine kleine Unebenheit, die einem den Finger aufschlitzen würde, wenn man ihn mit zu viel Kraft darüber hinweg zog. Er hatte K‘s Bedingung zugestimmt, aber nicht, weil er dazugehören wollte. Eigentlich hatte er absolut keine Lust im Kreise einer Familie zu leben. Dennoch glaubte er, dass K aktuell seine beste Chance war… denn welche Option blieb ihm sonst? Einem No-Chip…

Nach dem Gespräch mit K hatte er angefangen zu trainieren. Edgar zeigte ihm die Grundlagen im Chainen. Die Smart Contracts, die mit den Jouhatsu abgeschlossen wurden, basierten auf einer Block Chain. Man entnahm den Jouhatsu ihre bisherigen Chips oder ersetzte sie bei den No-Chips gleich mit neuen, gefälschten Exemplaren. Außerdem nahm man so viele Daten von der Person wie möglich auf und pflegte sie in den digitalen Vertrag ein. Am Ende musste K den Prozess mit einem speziellen, digitalen Schlüssel abschließen, von dem keiner wusste, wie er aussah und wie es genau funktionierte. Am Ende war das Glied der Block Chain verschlossen und die Daten des Jouhatsu damit sicher verwahrt. Auf diese Weise entstanden die Chaincoins, gewissermaßen eine Kryptowährung, die K und der Familie zur Verfügung stand, um sich zu finanzieren.

Bei Goldust lernte er den Bereich des Crawling kennen, was im Grunde nichts anderes war, als der Job eines Immobilienmaklers, zuzüglich der Arbeit eines Arbeitsämtlers. Er suchte nach Wohnungen, die von den Jouhatsu fernab ihrer Vergangenheit bezogen werden konnten und versorgte sie im Optimalfall auch noch mit einem Job – meist irgendwelche Tätigkeiten, bei denen nicht viel nachgefragt wurde: Küchenhilfe, Paketbote, Reinigungskraft usw.

Der Unterricht bei den Seedern gefiel Lone bislang am wenigsten, was aber hauptsächlich an Kid lag, der ihn aus irgendeinem Grund überhaupt nicht leiden konnte. Im Grunde verbrachten die Seeder Kid, Gronk, Jinx und Seth ihren Tag mit Krafttraining, Sparring, Waffentests und ab und an mit mysteriösen Besprechungen in einem separaten Raum direkt neben K‘s Arbeitszimmer, den Lone nie betreten durfte. Auch deswegen konnte er die Einheiten mit ihnen nicht leiden, weil sie einem immer das Gefühl gaben, ein kleiner, dummer Wicht zu sein, der vom großen Ganzen nicht den blassesten Schimmer besaß.

Beim Spotten war das ganz anders. Schon beim ersten Mal, als ihn Sniff mitgenommen hatte, wusste er, dass er diese Arbeit liebte. Sniff war K‘s Spotter der Wahl, er hatte aschfahle Haut und eine schwebende, katzenartige Präsenz, redete wenig und lächelte noch weniger. Obwohl er Lone so gut wie nichts erklärt hatte, begriff der von Anfang an, um was es ging: Man musste die Menschen beobachten, sie einschätzen, evaluieren und abwägen, ob sie gerade der innige Wunsch umtrieb, ihrem Leben zu entkommen. Lone liebte es, den Passanten zuzusehen und sie zu analysieren, wahrscheinlich deswegen, weil er sie dann zum ersten Mal von oben herab betrachtete, auf sie hinabschaute wie ein Gott, wie eine mächtige Kreatur, ein Schöpfer. In diesen Momenten war er kein Ungeziefer mehr, keine Belastung für die Gesellschaft, kein No-Chip. Ein unglaubliches Gefühl!

Und Lone schien sogar Talent für diese Tätigkeit zu besitzen. Bisher durfte er zwar keinem Passanten selbst eine Karte zustecken, doch hatte Sniff ihm bei der ein oder anderen hypothetischen Wahl zugestimmt.

Die Neon-Lichter entfachten mittlerweile ihr prächtiges Farbenspiel; eine Reklame nach der anderen sprang an, zitterte zu Beginn und gewann dann mit jeder Sekunde mehr an Leuchtkraft. Mittlerweile spürte Lone die Kälte schon gar nicht mehr, welche die Gitterparkbank, auf der er saß, multiplizierte und direkt an seinen Körper weitergab.

„Heute scheinen keine dabei zu sein“, summte Sniff neben ihm. Wenn er redete, klang es eigentlich immer mehr nach einem leisen Sing Sang als nach ernst gemeinten Worten.

„Hm…“, erwiderte Lone und rieb sich die müden Augen. Kurz glaubte er, in den bunten Farbformen, die durch das feste Reiben entstanden, einen Marienkäfer zu erkennen. Doch freilich waren es nur zufällige Anordnungen, entstanden durch eine Reizung der Rezeptoren seines Auges. Er seufzte und nahm die Hände vom Gesicht.

Dann sah er sie. Auf einmal verhallte das Gemauschel der Stadt. Das Rauschen der Autos, Busse und Bahnen verschwand. Die dunklen Gedanken, die stets verpesteten und schalten, unterbrachen ihr Gespei und konzentrierten sich auf ihre Gestalt. Nur sie, nichts anderes mehr.

Das Mädchen trug einen Jutebeutel bei sich, an den sie sich klammerte als hinge ihr Leben davon ab. Ihre Haare waren schwarz, die Gestalt leicht gebückt, als erwarte sie einen lauten Knall und wollte sich nur darauf vorbereiten. Für Lone fühlte es sich so an, als kenne er diese Frau, als fühle er das, was in ihr vorging. Er spürte alles. Und alles war Schmerz.

„Da!“, hauchte er und ergriff Sniffs Handgelenk.

„Was?“

„Sie!“, er deutete auf das Mädchen, die auf einen der Busse zuhielt.

„Nein, nein, du irrst dich, die braucht keine!“

Lone sah Sniff entgeistert an.

„Doch, natürlich, sie… natürlich braucht sie eine. Sieh sie dir doch an!“

„Hm, nein, du irrst dich“, summte Sniff in gewohnt gleichgültiger Manier. Lone verlor die Geduld. Das Mädchen stieg in den Bus ein.

„Gib mir eine Karte!“ Sniffs Augen weiteten sich. Er schüttelte echauffiert den Kopf, ehe er hüstelnd erklärte: „Nein, also… was glaubst du denn, wer du bist? Laut Kodex, darf nur ein ausgebildeter Spotter Einladungen verteilen, das, hey, wo willst du hin?“

Lone war aufgesprungen. Ohne nachzudenken, setzte er zu seinem Sprint an und ließ den Bus dabei für keine Sekunden aus den Augen. Als der Fahrer bereits den Blinker einsetzte, erreichte er ihn und schaffte es gerade noch so, sich zwischen den sich schließenden Türen hindurch zu quetschen. Er lief den schmalen Gang entlang und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er nach einer ganz bestimmten Person Ausschau hielt.

Sie saß in der vorletzten Reihe, dicht an die Scheibe gedrängt und die Hände um den Körper geschlungen, als sei ihr bitterkalt. Lone setzte sich hinter sie und überlegte.

Er konnte sie nicht einfach ansprechen, das wäre zu riskant gewesen, außerdem hätte sie ihn für einen verrückten Schwachmaten gehalten. Wie sollte man einer Fremden auch erklären, was ein Jouhatsu war oder die Yonige-Ya. Andererseits musste er sich beeilen, denn wer wusste schon, wie lange sie noch sitzen bleiben würde. Jede der angefahrenen Stationen, könnte ihre sein. Weil ihm keine Antwort in den Sinn kam, fuhr er sich nervös über den Pullover und spürte einen sanften Widerstand. Natürlich! Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als er in seine Tasche griff und die Karte herausfischte, die man ihm damals vor über einer Woche als Einladung hatte zukommen lassen.

Er hatte die Einladung behalten, obwohl er sie gar nicht mehr brauchte. Zeit, dass sie den Besitzer wechselt!

Vorsichtig, damit sie möglichst nichts bemerkte, griff er mit der Rechten zwischen den schmalen Spalt der Vordersitze hindurch und steckte ihr die Karte unbemerkt in den Jutebeutel.

Der Bus hielt an. Lone erhob sich und ging Richtung Ausgang. Einen letzten, verstohlenen Blick warf er dem Mädchen noch zu, die weiterhin eisern aus dem Fenster starrte. Er fragte sich, wie sie wohl hieß. Dann trat er hinaus.

„So, so, der Herr Spotter!“ Jemand packte Lone am Arm und riss ihn unsanft mit sich. Gerade als er sich zur Wehr setzten wollte, erkannte er, wer der Mann war, der ihn soeben abführte wie einen Gefangenen.

„Das wird Ärger geben“, zischte Kid genüsslich und würdigte Lone keines Blickes.


„Das ist Verrat. Nicht nur an uns, sondern auch am Kodex!“ Kid wetterte, während K an ihrem Schreibtisch saß und in aller Ruhe an einem Brief weiterschrieb. Das flackernde Licht des Feuers spiegelte sich in den Gliedern ihrer mächtigen Halskette.

„Lone?“, sagte sie, ohne vom Papier aufzublicken, „Hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?“ Kid starrte ihn mit zornesrotem Gesicht an. Doch Lone schwieg. K setzte einen Punkt, legte den Stift weg und hob zum ersten Mal, seitdem die beiden jungen Männer ihr Büro betreten hatten, den Kopf. Sie fixierte Lone mit messerscharfem Blick.

„Lone?“

„Sie hat eine Einladung gebraucht. Ich habe sie ihr gegeben“, murmelte er.

„Ich glaube nicht, dass es deine Entscheidung ist, wer eine Einladung bekommt und wer nicht.“

„Du meinst so wie bei mir?“ In Lones Augen war ein Feuer entflammt. Er ballte die Hände zu Fäusten.

„Lone, du bist jetzt Teil dieser Familie. Ist das nicht…“

„ICH WILL ABER NICHT DAZUGEHÖREN!“, brüllte er. Kid schnellte auf ihn zu, streckte wutentbrannt die Hände nach ihm aus und erstarrte. K hatte die Hand erhoben. Die einfache Geste reichte aus, um ihn aufzuhalten. Sie erhob sich, ging um ihren Schreibtisch herum und trat näher an Lone heran.

„Was willst du dann, Lone?“, fragte sie. Ihr Ton war keinesfalls wütend oder gar verurteilend. Sie klang wie eine besorgte Mutter, die für eines ihrer Kinder nur das Beste wollte.

„Grey Dog“, stammelte Lone, weil er nicht wusste, was er mit der ganzen wahntreibenden Wut machen sollte, die in seinem Innern zirkulierte. K sah ihn mit trauriger Miene an, ehe sie antwortete: „Lone, ich kann leider nur…“ Die goldene Tür sprang auf. Gronk kam herein.

„Tut mir leid K, aber… hier ist jemand mit einer Einladung.“ Er trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf die Frau preis, die ihm gefolgt war. Sie klammerte sich an ihrem Jutebeutel fest. Ihre weißen Sneaker waren verdreckt, das Haar selbstgeschnitten, schwarz und Schulterlang. K musterte sie und ihre Augen weiteten sich. Es war fast so, als erkenne sie eine Freundin aus alter Zeit wieder. Dann fixierte sie Lone mit durchdringendem Blick und fragte: „Ist sie das?“

Ohne hinüberzusehen, nickte Lone bestimmt.

K: „Alle raus. Ich möchte allein mit ihr reden!“


Es war spät geworden. Lone saß auf seiner Pritsche, umzingelt von Dunkelheit. So verlief sein ganzes Leben. Immer umzingelt, immer gegen alle, ein ständiger Kampf. Ein Fluch.

Es klopfte. Er antwortete nicht. Die Tür öffnete sich. Es war K.

„Hm“, seufzte sie, schloss die Tür hinter sich, ließ das Licht aber aus. Sie setzte sich neben Lone auf die Matratze, die ob ihres Gewichts leicht nachgab. Eine Weile schwiegen beide. Lone fühlte die Wärme, die ihr Körper abstrahlte. Es fühlte sich fast an, als hätte sie das Feuer vom Kamin mit hergenommen.

„Das hast du sehr gut gemacht, Lone!“, flüsterte sie in die Schwärze hinein.

„Dieses Mädchen hat unglaublich gelitten. Ihr Vater hat sie… sagen wir, sie hatte es nicht leicht. Sie braucht unbedingt unsere Hilfe.“ Lone antwortete nicht.

„Du scheinst ein Talent für diese Arbeit zu besitzen. Ein Talent das ich und die Familie gut gebrauchen können.“ Wieder keine Antwort von Lone. Dann spürte er, wie sich die Matratze bewegte. Eine Hand berührte ihn an der Schulter. Warm und sanft und weich.

„Lone, ich möchte, dass du das Project Management für sie übernimmst. Dadurch wirst du den Kodex kennenlernen und alles, was eben noch so dazugehört. Am Ende bist du ein vollwertiges Mitglied unserer Familie.“

„Und dann?“, hörte Lone sich flüstern.

„Dann… werde ich alles dafür tun, damit du dein Ziel erreichst!“

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