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Das Buch - eine Kurzgeschichte



Ich sitze am Steuer des Autos, schwer atmend und schweißnass, keuchend wie nach einer halsbrecherischen Flucht, wie nach geistlosem Rennen um Leben und Tod – doch entkommen werde ich nicht, denn es gibt keinen Ausweg mehr für mich. Der Motor heult auf, ächzt unter den Explosionen, die sein Inneres entflammen und die Räder anpeitschen wie hasserfüllte Hetze. Bitte! Ich reiße den Kopf nach oben, blicke in den mittleren Rückspiegel und sehe mich selbst. Das Auto bremst, bleibt stehen. Lass alle Mauern fallen!



Drei Tage zuvor


„Auf jeden Fall ist das so eine richtige Schwuchtel!“, brüllte Alexander dem jungen Francis ins Ohr, der mit gesenktem Kopf an einem hohen Glas mit rötlicher Flüssigkeit und Eiswürfeln darin nippte. Breits dreimal, seitdem sie angekommen waren, hatte Francis seiner Armbanduhr verstohlene Blicke zugeworfen, sich fortwährend über die Oberschenkel gestrichen und wäre am liebsten schon beim letzten Lied wieder verschwunden. Das Etablissement, in dem sie saßen, war gewissermaßen Bar, Club und Restaurant gleichzeitig – tagsüber konnte man sich billige Zwiebelringe mit Burritos und Sandwiches schmecken lassen, sich dann abends einige Drinks genehmigen und spätestens ab 12 Uhr auf die ebenfalls vorhandene Tanzfläche torkeln, um sich dort an einem Cancan oder anderen, affigen Bewegungsabläufen zu versuchen. Nein, Francis hatte absolut keine Lust auf all das. Er hatte keine Lust auf einen Abend in laut brüllender Gesellschaft, keine Lust auf seine Arbeitskollegen und ganz besonders keine Lust auf das Geschwafel von Alexander, der sich – warum auch immer – ihn am liebsten als Zuhörer für seine ausschweifenden Liebesabenteuer aussuchte.

„Auf jeden Fall hab ich ihm gesagt, dass er aufpassen soll, weil ich ihm sonst seine Fresse poliere. Dass ich mit seiner Schwester mache was ich will, habe ich ihm gesagt. So eine Missgeburt!“, maulte Alexander laut vor sich hin, schnappte sich sein Bier und nuckelte dann einige Sekunden am Flaschenhals herum, ehe er sich Francis zuwandte und über die lauter werdende Musik hinweg brüllte: „So jetzt geht’s mir besser, danke für’s Zuhören!“ Gerade als Francis notgedrungen etwas erwidern wollte, ertönte lautstark die vom DJ eingespielte Sirene, die stets die Eröffnung des Dancefloors markierte. Wie vom Hafer gestochen sprangen seine Arbeitskollegen auf und keine drei Sekunden später saß Francis allein am Tisch. Allein bist du nie und deswegen in Ketten! Er leerte sein Glas in einem Zug, klemmte dann einen Zehner darunter und verließ so schnell wie möglich das Lokal, um zu verhindern, dass er von irgendjemanden aufgehalten werden konnte.


Im Innenhof des großen, grauen Plattenbaus, in dem er eine Wohnung angemietet hatte, fütterte er wie immer zuerst die Katzen. Direkt neben der Tür hatte er den Streunern kleine, silberne Futternäpfe aufgestellt, wo er routinemäßig früh und abends etwas von dem Trockenfutter einstreute, das er in einer kleinen Tupperdose bei sich führte. Gerade war zwar weit und breit keine Katze mehr zu sehen, doch Francis wusste, dass sie später über den Mitternachtssnack herfallen würden. Er wartete noch einige Sekunden ab, aber als sich auch nach einem notgedrungenen „Miz, miz, miz“ keine seiner tierischen Gefährten zeigen wollte, drehte er sich um, ging ins Treppenhaus und hinauf in den dritten Stock.

Sobald die Tür seiner Wohnung hinter ihm ins Schloss gefallen war, lehnte er sich mit dem Rücken daran an und atmete viele Male laut hörbar ein und aus. Mit geschlossenen Augen versuchte er zuerst den Duft seiner Wohnung wahrzunehmen. Es roch nach Parfüm, nach Erdbeeren im Hochsommer, zärtlich, süß und reif, dabei benutze er einen solchen Duft gar nicht.

Er öffnete die Augen und sah alles so vor sich wie immer. Klein und schlicht war sein Zuhause mit drei Zimmern. Es gab eine bescheidene Küche, spärlich eingerichtet mit Kochfeld, Kühlschrank, Mikrowelle und Spüle. Ein Badezimmer, weiß gekachelt und mittlerweile in die Jahre gekommen, sodass es unmöglich war die Fugen von ihrem tristgrauem Schein zu befreien oder die freistehende Keramikbadewanne von ihrer unappetitlich gelbgrünen Färbung. Schließlich sein Schlafzimmer – dunkle Wände boten gerade einmal genug Platz für zwei Kleiderschränke aus Holz, einer Kommode mit kleinem Spiegel sowie einer Matratze am Boden. Eine einzelne freihängende Glühbirne ohne Lampenschirm erhellte den Raum mit wärmendem, orangegelbem Licht. Und in der Mitte – auf ihn wartend und flüsternd – stand ein Paket.

Ohne noch länger zu zögern, ging er den engen, kurzen und mit Blümchentapete ausgekleideten Flur seiner Wohnung entlang, betrat das Schlafzimmer und griff nach dem Brief, der ihn am selben Morgen und zusammen mit diesem Paket erreicht hatte. Weil er wegen seines Jobs als IT-Spezialist immer auf Abruf bereitstehen musste und ihn in der Früh das Server-Problem eines Kunden Hals über Kopf aus der Wohnung gejagt hatte, war ihm keine Zeit geblieben, die Post zu öffnen. Jetzt las er die Zeilen irgendeines Anwaltes, der ihm auf feingemasertem, knochenweißem Papier erklärte, dass ihm sein Vater diese wenigen privaten Gegenstände hinterlassen hatte – sein Tod lag nun bereits zwei Monate in der Vergangenheit.

Francis legte den Brief weg, ging auf die Knie und widmete sich dem kleinen, unscheinbaren Paketbündel. Der Karton war hellbraun, dünn und sichtlich mitgenommen. Zur Sicherheit hatte man eine braune Kordel darum gespannt und mit Schleife fixiert, was dem Ganzen das Aussehen eines lieblos verpackten Geschenkes verlieh.

Francis Vorfreude hielt sich in Grenzen, er hatte seit dem Teenager-Alter nur noch sehr wenig Kontakt zu seinem Vater gepflegt und war sich selbst nach dessen Tod noch sicher, dass es für sie beide so am besten gewesen war. Er hob den Kopf und ihre Blicke trafen sich: Ein Bild seines Vaters stand auf der Kommode direkt neben dem kleinen Spiegel.

„Egal…“, seufzte Francis, gab sich einen Ruck und begann auszupacken. Die Oberfläche fühlte sich rau an und roch nach Pfeifenrauch, der einen mit dem Gefühl von alten Zeiten und Traditionen erfüllte, aus einer Ära, in der Männer vor Kaminen saßen und sich Geschichten von der Jagd erzählten. Francis hasste diesen Duft und seine Laune wurde noch schlechter, als er sah, welche Gegenstände ihm sein Vater hinterlassen hatte: Eine Pfeife, samt Stopfer und speziellem Reinigungsset, ein Messer, dessen Griff aus dem Geweih eines Rehbocks gefertigt worden war und eine kleine, kunstvoll aus Holz geschnitzte Pietà. Francis betrachtete das kleine Andachtsbild und erinnerte sich daran, wie sehr er diese Szene – ein halb nackter, toter Mann im Arm einer trauernden Frau – immer gehasst hatte. Es begann in ihm zu brodeln, jeder Muskel in seinem Körper verkrampfte, seine Arme, Beine, Bauch und Nacken fühlten sich an, als hätten sie eine üble Schlägerei hinter sich. Er schüttelte ein paar Mal wütend den Kopf und wollte das Paket samt Inhalt gerade in die Ecke pfeffern, als ihm ein weiterer Gegenstand ins Auge fiel, den er übersehen hatte. Er griff zu und entnahm ein unscheinbares, schwarzledernes Buch. Goldene Lettern zierten den Umschlag, reflektierten das Licht der Glühbirne und warfen es in solcher Helligkeit und Farbe zurück, dass es wirkte wie Sonnenstrahlen an einem besonders schönen Sommermorgen. Ich sehne mich nach einem besonders schönen Sommermorgen!

Während Francis das Buch argwöhnisch musterte, fiel sein Blick auf die Armbanduhr an seinem Handgelenk. Er seufzte und Müdigkeit überkam ihn. Eigentlich gehörte er schon längst ins Bett, morgen begann sein Tag gewohnt früh, andererseits wusste er, dass er ohnehin kein Schlaf finden würde. Die Jahre im Bereitschaftsdienst hatten ihre Spuren hinterlassen und er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal wirklich gut geschlafen hatte. Entnervt und begleitet von einem lauten Seufzer, legte er das Buch zurück in das Paket hinein, ging damit in die Küche und warf alles zusammen in den Müll.

Dann huschte er in das Zimmer nebenan und ließ sich ein Bad ein, dabei vermied er es in den Spiegel zu sehen, kannte er sein Gesicht doch auch so schon gut genug. Die weichen, leicht eingefallenen Wangen, die langen und meist zum Pferdeschwanz zusammengebundenen schwarzen, seidig-glatten Haare, die dunkelbraunen Augen, die blasse Haut – nichts an ihm war auffällig, nichts schillernd oder hervorstechend, er war eben ganz und gar durchschnittlich, nichts unterschied ihn von den anderen. Ich weiß, dass das nicht stimmt!

Er wollte gerade in das Wasser steigen, als ihm dieses Buch wieder in den Sinn kam. Geschlagene Sekunden lang stand er nackt neben der vollen und heißdampfenden Badewanne, bis er kopfschüttelnd schnaubte: „Ach, scheiß drauf!“

Er ging zurück in die Küche, fischte es aus dem Müll heraus, legte sich damit ins Wasser und begann das fremde Werk zu lesen.


Ich weiß nicht genau, warum ich diese Zeilen schreibe, denn ändern werden sie für mich ja sowieso nichts. Aber vielleicht für jemand anderen. Denn ich weiß nur, dass ich sie an eine ganz bestimmte Person richten möchte. An dich. Ich kenne dich nicht. Das ist unmöglich, denn uns trennt mehr als nur Distanz. Auch gibt es keine Garantie, dass dich diese Worte jemals erreichen werden. Trotzdem muss ich schreiben, denn nur so bin ich frei, zumindest für einen kurzen Augenblick. Ja, ich schreibe dir, weil ich endlich frei sein will, so frei, wie du es hoffentlich bist. Weil ich nicht allein sein will. Weil ich allein bin. Allein, weil sie so viele sind, die mich umgeben und überall. Ich weiß nicht, was nicht mit mir stimmt, aber ich komme mit ihnen nicht aus, ich komme mit Menschen nicht aus. Mein Vater hat mir gesagt, dass ich seltsam bin, dass ich eine Schande bin, dass nur eines zählt, nämlich Zucht und Sinn, dass ich meinen Kopf geraderücken und endlich die Realität akzeptieren muss. Dabei ist Realität doch alles was ich bin – oder bin ich nicht real? Wie soll das gehen, erklär mir das bitte. Ich sitze mit Freunden zusammen und bin doch nicht real, ich fahre zur Schule und bin doch nicht real, ich verfluche mein Leben, denn es ist real.

Nur eines möchte ich dir sagen, auch wenn ich dich wohl nicht einmal kenne. Du bist nicht allein. Du bist nicht verloren. Du bist nicht schuldig. Und… Ich liebe dich!


Es ist eine Träne, welche die erste Seite des Buches beendet. Sie kullert an Francis rechtem Auge hinab und versickert an den Rändern seines Kiefers. Warum weinst du? Gedanken spinnen Fäden in seinem Innern und verwirren sich zu Knäulen, die immer größer werden und sich verzweigen zu einem unüberwindbaren Labyrinth. Die Worte dieser fremden Frau – denn es muss eine Frau sein, Francis ist sich sicher – klingen in ihm nach, schlagen Wunden und heilen zugleich. Ich liebe dich. Das Pergament fühlt sich sanft an, dezent, fast schon zögerlich, wie die Berührung eines jungen Liebhabers, warm und hoffnungsvoll. Francis liest die Seite erneut, saugt jedes Wort in sich auf, erinnert sich an längst vergangene Zeiten, an Potenzial und Träume, an all das, was er immer erreichen wollte, sich so sehr gewünscht hatte. Und mit jedem Gedanken wird er müder. Seine Sinne beginnen zu trüben, sein Denken wird zäh und träge, versinkt bald in einer Welt aus Schein und Fantasie. So lange, bis er einschläft und sie sieht, sicher versteckt in seinen Träumen. Eine Frau im roten Kleid.


Ich sitze im gelben Schein, schreibe meine Gedanken in ein Buch hinein und genieße den Augenblick. Allein und losgelöst von diesem Gefängnis, das mich umgibt, ganz gleich wann. Ich trage ein rotes Kleid, ein wunderschönes aus weichem Samt, eines, das sich an meine Haut anschmiegt als wäre es selbst ein Teil von mir. Meine Lippen sind rot. Tizianrot.


Francis schreckte hoch und Wasser platschte gegen die fahlen Wände der Badewanne. Kälte begrüßte ihn, denn das Wasser war mittlerweile ungemütlich schal geworden. Er hievte seinen Körper in die Höhe, stakste zum Waschbecken und hielt seine Hände unter frisches warmes Nass. Wieso war er in der Badewanne eingeschlafen? Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal überhaupt eine Nacht durchgeschlafen hatte und schon gar nicht in halb aufrechter Haltung, umgeben von Wasser, das immer kälter wurde. Was hatte das zu bedeuten? Aus den Augenwinkeln schielte er zu dem Buch mit dem lederschwarzen Einband hinüber, das neben der Wanne auf dem Boden lag. Den Titel konnte er nicht erkennen.

Seine Armbanduhr gab ein lautes Piepsen von sich und riss ihn damit aus seinen Gedanken. Er musste sich beeilen, löste sich vom Waschbecken und huschte hinüber in die Küche, wo er sich eilends zwei Scheiben Toast röstete. Er schluckte das sandige Brot hinunter, ging ins Schlafzimmer und öffnete dort den linken Kleiderschrank – den rechten benutzte er fast nie. Er kramte eine dunkelgraue Hose und ein hellblaues Hemd hervor, zehn Minuten später war er fertig eingekleidet, schnappte sich seine Umhängetasche, öffnete die Tür zum Treppenhaus und machte sich auf den Weg.


Auf der Arbeit schien alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Francis saß in seiner eigenen grau-weißen Wabe im Großraumbüro, programmierte an Projekten herum und nahm hin und wieder einen Schluck vom lauwarmen Kaffee aus seiner Tasse mit dem Aufdruck „Stay Happy - Drink Coffee“. Zur Mittagszeit ging er in die Firmeneigene Cafeteria und entschied sich für das Kürbis-Curry mit Reis, während Alexander ihm unentwegt das Ohr abkaute – seine Freundin schien wütend auf ihn zu sein, weil er ihren Bruder zur Sau gemacht hatte und Alexander konnte nicht verstehen, wieso sie so einen Trottel überhaupt verteidigte. Auf Francis Einwurf: „Vielleicht weil er ihr Bruder ist?“, antwortete er mit einem schroffen „Na und? Er ist trotzdem ein Idiot!“

Am Nachmittag kam Francis Vorgesetzter zu ihm und erklärte, dass er den beantragten Urlaub im Sommer nicht nehmen konnte, weil sie gerade zu der Zeit einen wichtigen Neukunden mit aufwendiger IT-Infrastruktur ausstatten mussten. Francis erklärte zwar, dass er bereits Flugtickets nach Barcelona gebucht hatte, doch sein Chef tat das mit den Worten ab „Die wirst du stornieren müssen, es geht leider nicht anders“ und hastete dann ohne Entschuldigung davon. An jedem anderen Tag hätte das Francis mehr als wütend gemacht. Nicht dass er dann ausgerastet wäre oder sich lautstark verteidigt hätte; er hätte es wohl gleichermaßen stillschweigend geschluckt, wohl aber hätte die Unverschämtheit seines Chefs ein Inferno in seinem Innern entfacht, das seines gleichen suchte. Heute jedoch schien es spurlos an ihm vorüberzugehen. Er schwitzte nicht, ballte unter dem Schreibtisch nicht die Fäuste und spannte auch nicht die Muskeln im ganzen Körper an. Er biss sich nicht auf die Lippe, kratzte sich nicht über den Handrücken oder spielte nervös mit seiner „Stay Happy“-Tasse.

Denn an diesem Tag beschäftigten ihn ganz andere Gedanken. Fantasien drängten sich in seinen Kopf und bewirkten, dass das lautstarke Rauschen seiner Umwelt nur noch wie durch ein daunenweiches Kissen zu ihm drang – gedämpft und abgefedert, nicht mehr in der Lage dazu, ihn ernsthaft zu tangieren. Er dachte an die Frau mit dem roten Kleid, von der er letzte Nacht geträumt hatte und vielleicht all die Jahre zuvor auch schon. Frei war sie in seiner Vorstellung, keck, unbeschwert, bewundernswert und zuweilen durch und durch glücklich, wie im Kindesalter, als es noch keine Rechnungen gab, keinen Dresscode, keine Norm. Es waren ihre Worte in diesem Buch. Ihre Worte, die ihn so sehr berührten und es ihm ermöglichten, schlafen zu können. Bei dem Gedanken schüttelte er reflexartig den Kopf. Diese Fantasien waren eine gefährliche Angelegenheit, ganz besonders für ihn, ganz besonders jetzt. Es war nur ein Gespinst, eine Gedankenblase, die auf das Unumgängliche wartete, auf den lauten Knall und die darauffolgende totenstille Leere. Totenstille Leere?


Er verließ seinen Arbeitsplatz zur gewohnten Zeit, wenngleich er sich mehr als sonst beeilte, den Weg zu seiner Wohnung zurückzulegen. Auch der Gestank in der U-Bahn und das Gedränge von Menschen, die ihm allesamt fremd und feindlich vorkamen, machten ihm weniger aus als sonst, denn in ihm wuchs mit jedem Meter die Neugierde auf die nächste Seite des Buches. An jedem anderen Tag hatte er nichts, worauf er sich sonderlich freute, immerhin verdonnerte ihn der Bereitschaftsdienst dazu, sogar in seiner eigenen Wohnung rund um die Uhr für Notfälle gewappnet zu sein, aber in diesem Moment überschattete die Sehnsucht und Fantasie die Regeln der Realität um ein Vielfaches. Sogar den Futternapf der Katzen aufzufüllen, vergaß er, hastete gleich die Treppen hinauf, entriegelte die Tür, pfefferte drinnen die Tasche in die Ecke und eilte in das Badezimmer, wo er das Buch zurückgelassen hatte. Er nahm es an sich, ging damit hinüber ins Schlafzimmer, legte sich auf seine Matratze, befühlte das schwarze Leder in seinen Händen und starrte für einige Sekunden an die Decke.

Der raue Putz schien sich jeden Tag neu zu formieren und seine Gestalt zu verändern wie ein Formwandler, wie ein Geschöpf, das sich nicht definieren musste, weil es undefinierbar war und etwas Undefinierbares eben nur in Form des Ausschlusses identifizierbar war – eine Negation. Francis mutmaßte, was auf der nächsten Seite stehen könnte. Er versuchte sich an seine Jugend zu erinnern und an das, was ihn damals beschäftigte. Ich sehne mich danach, endlich loszulassen, frei zu sein, befreit, gefeit von denen da draußen, die mich umzingelt haben und erdrücken. Ich singe für mich, weil es mir Freude bereitet und würde so gerne für andere singen. Warum traue ich mich nicht?

Francis schüttelte energisch den Kopf. Der Putz über ihm war wieder definiert, starr und in Form gepresst. Mit schweißnassen Fingern und vorsichtig, als hielte er ein kostbares Juwel in Händen, schlug er das Buch auf und las die nächste Seite.


Das ist schon die zweite Seite dieses Buches, obwohl ich nicht einmal weiß, ob du das alles eines Tages lesen wirst. Aber ich fühle etwas Besonderes, wenn ich diese Zeilen schreibe, so als entstehe eine Verbindung zwischen mir und dir. Vielleicht ist es sogar so. Hoffentlich ist es so. Denn im Moment scheint mich keiner zu verstehen, ich bin ihrer aller Gegner und dabei habe ich niemals einen Krieg erklärt. Ich möchte doch nur leben. Nur leben! Warum ist das zu viel für sie? Warum habe ich Angst, das einzusehen, was doch schon immer Wahrheit war. Ich sehne mich nach jemanden, der mich versteht, dem ich all das erzählen kann, der mir sagt „Ja, ich weiß…“ und mich tröstet, wenn die Nächte wieder kalt und einsam sind. Wenn ich in der Früh das Haus verlasse, dann einzig, weil mich die Welt hinaus peitscht, nur um mich wenig später wieder anzufallen, wie eine grausame Bestie. Es ist ein ewiger Kampf, es ist niemals einfach, geht nie leicht von der Hand und auch nicht spurlos an mir vorüber. Warum bin ich so? Warum ist es bei mir so kompliziert? Was kann so schwer daran sein, sie alle tun es doch tagtäglich, leben einfach und unbeschwert, denken nicht an mich, nicht an dich, nicht an uns beide. Ich wünschte, wir könnten eins sein. Das wünschte ich wirklich. Denn für dich ist alles besser. Daran glaube ich, ganz bestimmt!

Ich möchte, dass du mich sehen kannst, dass du ein Bild von mir bekommst, eine Erinnerung, die bleibt. Deswegen habe ich mich versteckt und ein Foto von mir gemacht. Siehst du wie ich lache? Wie glücklich ich bin? Zumindest für diesen kurzen Augenblick. Ein wunderschöner, kostbarer Augenblick, bevor es mich wieder fortreißt – zurück in die Welt. Ich liebe dich.


„Ha…“, japste Francis, nachdem er ihre letzten Worte gelesen hatte. Er starrte an die Decke über sich – die Formen hatten sich schon wieder gewandelt. Er fühlte das Papier zwischen seinen Fingern, die feine Maserung und die kaum merklichen Einkerbungen an den Stellen, an denen die Feder ihre Spuren hinterlassen hatte. Und Francis erfühlte auch das Foto, das auf der nächsten Seite eingeklebt worden war, er müsste nur einmal umblättern, um es zu sehen. Doch in seinem Innern stürmte und tobte es und sein Herz schlug Kriege in seiner Brust und seine Stirn glänzte vom Schweiß und seine Lunge brannte, als wäre in ihr ein Feuer entfacht. Ohne den Blick von der Decke abzuwenden, dachte er über das Geschriebene nach und vor allem über das Foto, bei dem er sich nicht sicher war, ob er es sehen wollte oder besser nicht. Ob er sie sehen wollte. So verharrte er in einem ständigen Wechsel zwischen für und wider, pro und contra. Lange. Sehr lange. Worauf wartest du? Schließlich obsiegte doch der Drang, zu erfahren, wie sie aussah, als sie diese Zeilen schrieb. Er senkte den Kopf und blätterte um.

Francis ließ seinen Blick von ganz unten nach oben wandern. Zuerst erkannte er nur die dunkelgrauen Linien, welche das Papier unterteilten und eine Orientierung für die Worte bildeten. Es folgte die untere weiße Kante eines Polaroid-Fotos, das mit Klebestreifen auf der Seite fixiert worden war... Und dann sah er das rote Kleid. Ihr Kleid! Das Kleid der Frau aus seinen Träumen, ganz genauso wie er es sich vorgestellt hatte! Rot und aus feinem Samt. Ja, ich bin es. Bis zum Ansatz ihres Halses ließ er den Blick noch wandern – dann hielt er inne.

„Nein“, murmelte er leise, erhob sich und begann in seinem Zimmer auf und ab zu schreiten. Dabei verschränkte er die Arme ineinander und schüttelte unentwegt den Kopf. Bald erweiterte er seine Kreise, ging einmal in die Küche, zurück in sein Schlafzimmer, ins Badezimmer, blieb eine Weile im Flur stehen und flüsterte dabei unzusammenhängend vor sich hin. Dann zurück ins Schlafzimmer, wo er seinen Vater erblickte. Hass überkam ihn, er schrie und brüllte so laut und tief wie ein schmerzerfülltes Tier, schnappte sich das Bild von der Kommode und warf es mit aller Kraft gegen die Wand. Es zerschellte laut, tausend Splitter flogen durch die Luft und schnitten Löcher ins Nichts – die Wunden entstanden woanders. Francis brauchte geschlagene Minuten lang, um sich wieder zu beruhigen, fuchtelte dabei immer wieder mit geballten Fäusten herum und schlug Löcher in die Luft hinein. Schließlich fiel er schwer atmend neben seiner Matratze auf die Knie, klappte das Buch zu und legte es neben den kleinen Spiegel auf seiner Kommode ab, genau an die Stelle, an der bis gerade eben noch das Foto seines Vaters gestanden hatte. Ich hasse meinen Vater. Sein Handy begann zu vibrieren, er blickte abwesend auf das erleuchtete Display und las die Nachricht, die ihn erreicht hatte – ein Notfall, er musste zur Arbeit.


Ein neuer Tag, dieselbe Welt, derselbe Arbeitsplatz. Francis hatte die halbe Nacht mit einem Serverproblem zugebracht und saß in der Früh dennoch pünktlich im Büro. Jedoch schien etwas in ihm entrückt worden zu sein, anders als sonst, ausgerissen. Es war die Tasse, die ihn halb um den Verstand brachte, aber nicht nur sie, es war alles, einfach alles: der Boden unter seinen Füßen, die grauen halbhohen Wände, die das Büro unterteilten wie die Waben eines Bienenstocks, das Geklapper von Computer-Tastaturen, das Gemurmel, das Geläster, das sinnlose Getue, das nur einen Schein wahren sollte, der es nicht einmal wert war, dass man ihn kritisierte, so falsch war er und verlogen und arrogant und hässlich. Ja, hässlich war es, alles um ihn herum, jeder einzelne und inmitten all dieses pechschwarzen Ekels, da saß er. Allein, mit einer Tasse in der Hand, die ihn aufforderte glücklich zu sein.

„Ey, Francis!“, Alexander stand auf einmal vor ihm, Francis hatte ihn nicht einmal kommen hören.

„Ich muss dir unbedingt etwas erzählen, stell dir vor…“ Von irgendwoher meinte Francis das Ticken einer Uhr zu hören.

„Und dann hat er doch tatsächlich zu mir gesagt…“ Er erkannte, dass es kein Ticken war und auch nicht von einer Uhr stammte.

„Aber nein, nicht mit mir, so viel kann ich dir sagen, also hab ich…“ Nein, es war sein Herz. Sein Herz, das hämmerte und Blut durch seine Adern trieb, so kraftvoll, so brachial, dass es ihm bei jedem Quetschen beinahe den Verstand raubte.

„Hören Sie mir gut zu, habe ich gesagt, ich kann nichts dafür, sag ich, dass ihr Sohn eine verdammte, nervtötende, Schwuch…“ Ein letztes Mal blitzte der „Stay Happy“-Slogan auf, dann zerbarst die Tasse an der Wand. Im Büro wurde es still, das Tastaturgeklapper verstummte, Köpfe reckten sich hoch über die Trennwände und stierten allesamt Francis entgegen. Der stand mit weit aufgerissenen Augen und geballten Fäusten vor Alexander.

„Francise, was…“, doch bevor er seine Frage zu Ende stellen konnte, packte Francis seine Tasche und hetzte aus dem Büro. Denn ich kann und will nicht ewig fliehen, das wäre ein Rennen im Kreis. Die andere lieben mich nicht, aber ich schon. Vor allem liebe ich dich


Francise hob den Schlüssel vom Boden auf, den er beim Versuch aufzuschließen fallen gelassen hatte. Hektisch fiel er in seine Wohnung ein und suchte nach dem Buch – er musste weiterlesen, unbedingt weiterlesen! Er fand es auf der Kommode und setzte sich damit auf die Matratze. Ich kenne mich und das bedeutet, ich kenne dich, von Mensch zu Mensch! Er atmete ein paar Mal tief ein und aus, schüttelte seinen Kopf, schlug sich mit der flachen Hand dagegen, betastete dann das raue Leder des Umschlags und konnte sich dennoch nicht überwinden, das Buch endlich aufzuschlagen. Es fühlte sich an, als würde seine Kehle in Flammen stehen, sein Magen rebellierte, kontrahierte, doch er schüttelte nur vehement den Kopf.

„Komm schon!“, schrie er ins Nichts. Meine Schreie sind vergebens und verhallen nur.

„Komm schon!“, schrie er noch lauter als zuvor, atmete ein letztes Mal tief aus, öffnete dann endlich das Buch und las.


Ich will mich nicht so sehen müssen. Und ich will nicht, dass die Welt mich nur sieht, wenn ich eine Maske trage. Aber was bleibt mir? Der Tod? Alles verlieren? Ist das wirklich eine Wahl? Beides scheint ein Ende zu sein und bei keinem von beidem ist der Neuanfang garantiert. Wieso lasse ich mich derart von der Angst beherrschen. Ich habe doch nur dieses eine Leben, nur diese eine Seele, nur mich, ich bin nichts anderes. Ich wünsche mir so sehr, dass sie mich eines Tages verlässt, diese unsagbare Furcht, als stünde der Henker bereits hinter mir. Aber in einem bin ich mir ganz sicher: Ich liebe dich. Auch wenn ich dich nicht mehr kenne, während du das liest, bin ich davon überzeugt. Glaubst du das ist möglich? Einen Menschen zu lieben, obwohl man ihm nie begegnet ist? Dass man ihm blind vertrauen kann? Denkst du an mich? Und wenn ja, wie? Wie denkst du über mich? Am liebsten beiläufig, flüchtig, wie an eine Jugendsünde. Keine Sünde mehr, ich hoffe ich bin für dich keine Sünde mehr. Bitte. Sei stärker als ich. Bitte!


Ihm war schlecht und schwindelig, trotzdem verstand er jedes Wort, das die Frau im roten Kleid an ihn richtete und jedes einzelne zerschmetterte ihm das Herz.

Wieder schritt er in der Wohnung auf und ab, spielte für und wider gegeneinander aus, obwohl er doch ganz genau wusste, wonach sein Herz verlangte. Mittlerweile war es halb sieben Uhr morgens. Wann war so viel Zeit vergangen? Er war doch gerade erst mitten am Tag von der Arbeit zurückgekommen? Hatte er die ganze Nacht damit verbracht dieselben Zeilen zu lesen und nachzudenken und zu weinen? Hatte er sein Zeitgefühl verloren? Warum hatte er geweint? Alles verschwamm in seinem Kopf, seine Sicht der Dinge verklärte sich und nichts war mehr so, wie es hätte sein müssen. All die Sicherheiten und Mauern, die er sich über die Jahre aufgebaut hatte, begannen zu wanken und zerfielen bald wie alter, spröder Stein. Seine Uhr piepste. Bitte, ich flehe dich an. Wenn er pünktlich zur Arbeit kommen wollte, dann musste er langsam los – durch das Gewirr von Hochhäusern, Blocks und Teerwüsten hindurch.

„Scheiße, scheiße, scheiße“, stammelte Francis, dem der Schweiß in Perlen auf der Stirn stand. Er betrachtete seine zwei Kleiderschränke, die Kommode, die Matratze, schließlich sogar die Scherben vom zerbrochenen Bild seines Vaters, die er noch nicht wieder aufgesammelt hatte. Doch nichts konnte ihm einen Hinweis geben, geschweige denn die Entscheidung abnehmen. Die oblag ihm ganz allein und niemand anderem sonst. Sei stärker als ich.

Francis Blick fiel auf die goldenen Lettern auf dem schwarzen Lederumschlag und der Geruch von Erdbeeren stieg ihm in die Nase. Dann geschah alles wie von selbst: Er ging zum rechten Schrank, machte sich fertig, nahm zum Schluss noch das Buch und verließ seine Wohnung.


Er benutzte das Auto einer Car-Sharing App, weil er an diesem Tag nicht in der U-Bahn stehen wollte, eingepfercht zwischen hunderten von Menschen. Tausend Zweifel überschwemmten seinen Kopf, während die Lichter der letzten, noch brennenden Laternen, Ampeln und Reklametafeln über das fahrende Auto hinweghuschten wie flüchtige Blitze. Du siehst mich jeden Tag in deinem Innern. Er bekam die Frau mit dem roten Kleid nicht mehr aus dem Kopf, sah sie fast permanent vor sich. Warum hatte er sich so schwer damit getan ihr Foto zu betrachten? Warum konnte er an fast nichts anderes mehr denken? Warum war sie immer da?

Migräneschmerzen überfielen ihn, die sich anfühlten, als bohre man ihm eine angeheizte Nadel in den Schädel. Er schnaubte laut wie ein Krieger, der versuchte sich ein letztes Mal noch aufzuraffen, und steuerte den Wagen sicher voran. Doch konnte er sich gegen die hineindrängenden Bilder immer weniger zur Wehr setzen. Mit jeder Kurve, die er nahm, mit jedem Aufheulen des Motors, mit jedem Meter, den er im Labyrinth der Innenstadt zurücklegte, nahmen seine Zweifel zu und verpesteten seine Gedanken wie dunkler Rauch. Rauch, der mich umhüllt und von dir trennt.

Irgendwann kam das Auto mit quietschenden Reifen zum Stehen. Das Navigationssystem seines Handys verkündete, er habe sein Ziel erreicht. Francis blickte nach links. Der Wolkenkratzer aus Glas, der auch seinen Arbeitgeber beherbergte, reckte sich hoch in den Himmel hinauf. Glitzernde Kondensstreifen spiegelten sich in ihm wider und das reflektierte Licht verfärbte sich allmählich von blau zu orange, denn die Sonne würde bald über dem Horizont emporsteigen und einen neuen Tag einläuten. Einen neuen Tag, in einer alten Welt. Der alte Job. Der alte Francis. Das alte Gefängnis.

Woher kam nur diese unzähmbare Angst in ihm? Warum habe ich solche Angst? Die Uhr an seinem Handglenk piepste. Er musste eigentlich schon längst an seinem Arbeitsplatz sitzen und die Zeit lief ihm davon – ein zweites Mal würden sie ihm unentschuldigtes Fehlen wie gestern nicht durchgehen lassen. Reflexartig versuchte er sich zu beruhigen, indem er die nächsten Momente im Kopf durchging. Als erstes würde er das Auto auf dem Seitenstreifen abstellen, aussteigen, durch die Eingangshalle gehen und den Fahrstuhl nach oben nehmen. Nein, vielleicht doch lieber die Treppe. Es waren fünf Stockwerke, bei denen er sich jeden einzelnen Schritt, jede einzelne Stufe vorstellte. Dann würde er bei einer dunkelgrauen Tür ankommen, durch die er in ein weiteres, matt verglastes Foyer gelangte. Der Firmenname protzte einem penetrant und unübersehbar entgegen – langweilige Buchstaben in archaischen Times New Roman zierten die moderne Glastür. Die Klinke war aus Aluminium und fühlte sich kalt an, fahl und feindlich. Dann weiter zu seinem Arbeitsplatz, den Computer hochfahren, die wichtigsten Aufgaben des Tages als erstes erledigen. Check. Dann würde bald schon Alexander zu ihm kommen, wie jeden Morgen pünktlich um 8:30 Uhr. Er steht vor ihm, will gerade anfangen ihn voll zu quatschen, stockt und…

„Du Idiot!“, flüsterte Francis und begann sich die Augen zu reiben. Bunte Farbkleckse bildeten sich aus dem Schwarz heraus, die sich zu den Menschen formten, denen er tagtäglich begegnete, verwandelten sich in Alexander, in seine Arbeitskollegen, in die leergesaugten Hüllen in der U-Bahn, sogar in die streunenden Katzen, die er immer fütterte – sie alle lachten ihn aus, hielten sich die Bäuche, kugelten sich vor Freude, nur um ihn dann zum Teufel zu jagen. Sie schrien, spuckten und maulten, vergraulten ihn aus ihrem Leben. Er war allein. Bitte!

Francis öffnete die Augen, schlug gegen das Lenkrad und die Gestalten verschwanden wieder. Er drehte den Zündschlüssel herum, trat mit voller Wucht auf das Gaspedal, die Drehzahlnadel schoss in die Höhe und das Auto die Straße entlang.

„Du verdammter Idiot!“, knurrte er und presste die Zähne aufeinander, dass sein Kiefer knackte. Der Motor heulte auf, ächzte unter den Explosionen, die sein Inneres entflammten und die Räder anpeitschten wie hasserfüllte Hetze. Er saß am Steuer, schwer atmend und schweißnass, keuchend wie nach einer halsbrecherischen Flucht, wie nach geistlosem Rennen um Leben und Tod.

„Warum hast du geglaubt, dass…“, in dem Moment fiel sein Blick auf den mittleren Rückspiegel und er sah sie. Ihr rotes Kleid, der Ansatz des Halses und ihr Gesicht. Ja, sogar ihr Gesicht. Sei stärker als ich. Bitte.

Francis stieg in die Eisen, die Reifen quietschten und schliffen über den rauen Asphalt, dass weißer Rauch Aufstieg, andere Autos hupten und schafften es nur geradeso auszuweichen – doch das war ihm egal. Es gab nur ihn. Nur Francis. Auf einmal überkam ihn ein seltsames Gefühl, das er nicht so recht in Worte fassen konnte. Kälte kroch ihm in die Glieder, begann bei seinen Händen und Füßen, ehe sie sich immer weiter vortastete bis ganz nah ans Herz heran. Ich schreibe diese Zeilen an dich. Nur an dich. Mit zitternden Fingern griff er blind neben sich auf den Beifahrersitz, wo das Buch lag.

Er betrachtete den Umschlag und auch die goldenen Lettern darauf, die genau zwei Worte formten: „Mein Tagebuch“ Francis erinnerte sich an jedes Wort, das er geschrieben hatte, als er noch ein Teenager war. Ganz besonders an die der letzten Seite:


Denn ich schreibe diese Zeilen nur für dich, für den Francis in der Zukunft, für mich in ich weiß nicht wie viel Jahren. Ich hoffe, dass du dann über das Geschrieben schmunzeln kannst, weil es dich nicht mehr tangiert, weil du es geschafft hast, zu sein, wer du wirklich bist. Es über’s Herz gebracht hast, die Maske fallen zu lassen. Ich hoffe, dass du glücklich bist und dich nicht schämst für dich selbst. Ich hoffe, dass du so aussiehst, so lebst, so liebst und lachst und laut singst, wie ich es mir von ganzem Herzen wünsche. Ich hoffe, dass du stärker bist als ich und mutiger und vor allem ehrlicher zu dir selbst. All das wünsche ich mir.

Und für den Fall, dass sich nichts geändert hat, wenn du das hier liest, dass du immer noch ich bist, dass du immer noch versteckst, verletzt und im Kreise gehst, möchte ich, dass du weißt, dass es an der Zeit ist, alle Mauern fallen zu lassen und so zu leben wie du willst. Es geht gar nicht anders, oder? So wie jetzt… das geht nicht für immer. Und ich weiß, wie groß die Angst ist alles zu verlieren, aber ich möchte dir versichern, egal wie allein du bist, egal wie sie dich nennen werden oder was mit dir geschieht: Ich liebe dich und ich glaube an dich. Ich glaube an dich! Deswegen, bitte… Lass alle Mauern fallen!


Das Auto blieb noch eine Weile auf der Straße stehen. Am Steuer saß eine junge Frau in einem roten Kleid. Ihre Lippen waren Tizianrot, sie trug ihre schwarzen, seidig-glatten Haare offen, hielt ein Buch in Händen und betrachtete es mit solch großer Führsorge in den Augen, als stünde vor ihr das eigene Kind. Erst, als sich die Sonne ganz über dem Horizont erhob, sprang der Motor wieder an und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Bald würde der Tag in ganzer Pracht erstrahlen und ihn verbreiten. Den Duft des Sommers, des Neuanfangs und sogar den Duft von saftig-roten Erdbeeren.

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